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"Notizblog" aus Amerika

Von Guntram Dörr

Eine Neue Welt sind die Vereinigten Staaten nicht mehr, und mit den unbegrenzten Möglichkeiten ist es seit dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident auch so eine Sache. Vielen der etablierten Tageszeitungen, aber auch Sendern und Radiostationen, die sich bislang als Kontrolleure der Mächtigen verstanden, bläst ein eisiger Wind aus dem Weißen Haus ins Gesicht.

Seit der Milliardär mit der seltsamen Frisur am Ruder ist und via Twitter regiert, sucht er stets die Reputation und Glaubwürdigkeit von Medien zu untergraben, die nicht sein Weltbild transportieren. Die Journalisten, oft mit ausgeprägtem Selbstwertgefühl ausgestattet, reagieren darauf mit einem Chor, der zwischen Klagelied und Wutgeheul pendelt.

Es muss spannend sein für einen Mann aus der Branche, sich diese beispiellosen Verwerfungen in einem Land anzusehen, in dem die Nationalhymne Freiheit und Tapferkeit besingt und in dem die Herrschenden die freie Presse als „Vierte Gewalt“ (und bald auch die unabhängige Justiz?) zu schleifen beginnen. Sie können sich dabei durchaus der Unterstützung großer Teile der Öffentlichkeit sicher wähnen.

Jochen Anderweit, der heute 40 Jahre alt wird und als Verleger und Geschäftsführer an der Spitze der traditionsreichen Grafschafter Nachrichten steht, will genau hinschauen. Mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern bricht er am Montag auf zu einer dreimonatigen Rundreise mit dem Wohnmobil durch die USA.

Dabei folgt der Nordhorner den Spuren seines Großvaters. Heinz Kip, seinerzeit GN-Verleger, berichtete 1957 in einer umfangreichen Artikelserie aktuell aus Amerika, das vor 60 Jahren für die meisten Grafschafter ein völlig unbekanntes Terrain war.

Die Schilderungen, die Heinz Kip damals per Fernschreiber übermittelte, hat sein Enkel im Sommer 2015 im Familienarchiv wiederentdeckt – und war von der ersten Zeile an gefesselt. Ihn hat berührt, „mit welcher Begeisterung mein Großvater über die Vereinigten Staaten schrieb, über das Land und die Menschen, die er kennengelernt hatte, und mit welcher Wehmut er wieder abgereist war“.

Aus den lebhaften Schilderungen des Reisenden leuchtet ein besonderer Satz hervor: „Ich fand nicht nur die äußerste Form der Höflichkeit, ich fand jenen Herzenstakt, der glücklich macht.“

Sollte sich das tatsächlich grundlegend geändert haben? Anderweit will die GNSerie „Mit dem Notizblock durch Amerika“, die 1957 erschien, in den nächsten Wochen wieder aufleben lassen. Zum einen im Internet: Aus dem „Notizblock“ von einst wird „Anderweits Notizblog“.

Wer die Erlebnisse der Familie miterleben möchte, kann das in Direktzeit tun, denn die Notizen werden in den Laptop getippt und nicht mehr in die Schreibmaschine, neben den Texten sind Fotos zu erwarten, aber auch zum Beispiel Videos und interaktive Karten.

Zum anderen erwartet die GN-Zeitungsredaktion von ihrem Verleger eine Reihe von Beiträgen für die gedruckte Ausgabe und das EPaper. Erneut auf den Spuren seines bereits 1965 früh verstorbenen Großvaters wandelnd, wird Jochen Anderweit zum Beispiel einige der Grafschafter Auswanderer oder deren Nachfahren besuchen, die im Bereich der Stadt Holland im US-Bundesstaat Michigan leben. Wie sehen sie ihre alte Heimat aus neuem Blickwinkel?

Geplant sind zudem Gespräche mit Menschen, die dem Land an Vechte und Dinkel den Rücken gekehrt haben, um in den USA zu studieren oder mit neuen Zielen ihr berufliches Glück zu finden. Zudem wird die Nordhorner Familie entlang der genau ausgeklügelten Route die ein oder andere Sehenswürdigkeit unter die Lupe nehmen und von interessanten Alltagserlebnissen berichten.

Eine Einladung zu einer Pressekonferenz ins Weiße Haus, wie Heinz Kip sie damals erhielt, wird sein Enkel wohl nicht bekommen. Der Juniorverleger aus der niedersächsischen Provinz hatte 1957 nicht nur Gelegenheit, dem Präsidenten Eisenhower ganz nahe zu kommen.

Er erhielt sogar ein Dankesschreiben des amerikanischen Generalkonsulats mit einem Lob für die „umfangreiche und in freundlichem Tone gehaltene Berichterstattung“, die als „weiterer Beweis für die guten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten“ bewertet wurde. 60 Jahre danach – siehe Trump – steht das Bemühen der US-Regierung um Verständigung durch Kennenlernen nicht mehr allzu hoch im Kurs.

Für Jochen Anderweit wird es spannend sein, zu hören, wie die Verlagshäuser und Medienunternehmen mit dem rasanten Wandel umgehen, der die Branche durchschüttelt. In den USA hat bereits ein regelrechtes Zeitungssterben eingesetzt:

Weite Landstriche, vor allem in der riesigen Mitte, müssen ohne die klassische Informationsquelle der lokalen und regionalen Presse auskommen. Donald Trump hat dort besonders viele Stimmen bekommen. Welche Rezepte entwickeln Verlage, um diesem Trend, der auch den deutschen Zeitungshäusern zu schaffen macht, zu begegnen?

Anderweit hofft, es zu erfahren, etwa von den Kollegen in Chattanooga und Holland. Und er schaut sich dort um, wo viele junge Leute das Rüstzeug erhalten für den Mut, etwas Neues zu wagen, und das Ziel, die digitale Welt zu erobern – auf dem Campus der Stanfort University.

Das digitale Reisetagebuch kann hier direkt angesteuert werden: Anderweits Notizblog